AUSLÖSCHUNG

AT: ANNIHILATION

USA, 2018 / 115 Min

Regie: Alex Garland

Darsteller: Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Oscar Isaac

Groß war sie, die Empörung als bekannt wurde, dass der aufwendig produzierte und bereits fürs Kino angekündigte Science-Fiction-Film ANNIHILATION exklusiv auf dem VoD-Portal Netflix anlaufen werde. Die Gründe dafür scheinen jedoch plausibel. Die Massentauglichkeit anzweifelnd und den finanziellen Misserfolg von BLADE RUNNER 2 vor Augen war es Paramount Pictures wohl doch ein zu großes Wagnis. Doch jetzt einfach mal ins Blaue überlegt: Ist es denn so schlimm, dass der Streifen nur auf Netflix läuft?

 

Die Story: Ein Komet trifft die Erde. Um das Gebiet der Absturzstelle bildet sich ein undurchsichtiger, fluoreszierender Schimmer, der sich wie eine Käseglocke über das Areal stülpt. Die Forschungsteams, die den Schimmer betreten haben, blieben weitestgehend verschwunden. Die Rückkehrer waren zutiefst verstört, klagten über Erinnerungslücken und wirkten wie ausgewechselt. Lena (Natalie Portman) ist Biologin. Weil ihr Mann mit einer Armeeeinheit lange Zeit im Schimmer verschollen war, schließt sie sich freiwillig dem Team an, das als nächstes den Schimmer erforschen soll…

 

ANNIHILATION ist intelligenter, im Finale beinahe surrealer Sci-Fi-Flick und Kopfkino. Optisch überaus einladend experimentiert der Film mit Effekten und lädt zu einem psychedelischen Bilderrausch ein. Allein der Schimmer ist ein geisterhafter, violetter Nebel und die Pforte ins LSD-Wunderland, wenn auch in ein mitunter eher alptraumhaftes. Dicht ist der Film bestimmt der absolute Wahnsinn. Dem rein weiblichen Forscherteam, das ein bisschen an GHOSTBUSTERS 3 erinnert, erscheinen ein mutierter Alligator, ein Zombiebär und Pflanzen in Menschenform. Im Schimmer herrscht eine Parallelwelt und die Naturgesetze sind außer Kraft gesetzt. Der nebulöse Schleier fungiert als Prisma und bricht Licht ebenso wie DNS. 

ANNIHILATION gaukelt ein hohes wissenschaftliches Level vor. Wie man die Bilderflut und den finalen Brainfuck zu deuten hat, bleibt aber dem Zuschauer überlassen. Die Interpretationsmöglichkeiten reichen von der Verbildlichung von krebshaften Gewürzen bis hin zu dem „Sich-Auflösen“ und Verlorengehen in einer partnerschaftlichen Beziehung. Trotz vieler Ungereimtheiten ist ANNIHILATION anspruchsvoller Sci-Fi-Spaß zum Mitdenken. Vergleiche zu den Tarkovsky-Klassikern SOLARIS und STALKER drängen sich auf. Ein bisschen ARRIVAL, THE THING und BODY SNATCHERS ist auch mit drin, ebenso die Sperrigkeit eines UNDER THE SKIN und die „Star Gate“-Szene aus 2001. Alles nur angedeutet und gut portioniert, so dass es der massentauglichen Unterhaltung keinen Abbruch tut. 

„Ich dachte ich wäre ein Mensch. (…) Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher.“

Damit sind wir bei der anfangs gestellten Frage angelangt, ob das nun so schlimm ist, dass ANNIHILATION auf Netflix und nicht im Kino startet. Einerseits ist natürlich zu vermuten, dass der Streifen im Kino mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Flop geworden wäre, da zu speziell. Durch Netflix wird der Film einer breiten Masse für wenig Geld zugäugig gemacht, wodurch dann vielleicht auch der eine oder andere Zuschauer mehr sich dem Mindfuck hingibt. Auf der anderen Seite sind natürlich die grandiosen Bilder, die einfach für die große Leinwand prädestiniert sind. 

Trotz Ärgernis hat Regisseur Alex Garland (EX MACHINA) einen interessanten, die grauen Zellen stimulierenden Science-Fiction-Film geschaffen, der im Kontext zu Netflix vielleicht sogar noch mehr beeindruckt. Natalie Portman (LEON - DER PROFI, STAR WARS 1 - 3) ist top und wirkt jugendlich und frisch. Auch schön, dass man von Jennifer Jason Leigh (HATEFUL 8, WEIBLICH LEDIG JUNG SUCHT) in den letzten Jahren wieder mehr zu Gesicht bekommt. 

 

Zu gleichen Teilen anspruchsvoller wie unterhaltsamer Mindfuck