"How much is the Fish!?"

COLD SKIN und THE SHAPE OF WATER im Direktvergleich 

Auf den Fantasy Filmfest White Nights 2018 kam man um das Thema Fisch nicht herum. Gleich zwei Beiträge nahmen sich der schuppigen Wasserbewohner an. COLD SKIN von Xavier Gens und THE SHAPE OF WATER von Guillermo del Toro. Beide thematisch ähnlich. So geht es in beiden Werken um humanoide Fischwesen und Menschen, die eine Liebesbeziehung zu ihnen aufbauen. Das klingt phantastisch und ist es auch. Einzelkritik und Vergleich.

COLD SKIN

Frankreich, Spanien, 2017 / 108 Min.

Regie: Xavier Gens

Darsteller: Ray Stevenson, David Oakes, Aura Garrido

1914: Ein namenloser junger Mann wird auf einer verlassenen Insel nahe der Antarktis ausgesetzt, um zu wissenschaftlichen Zwecken Wetterbeobachtungen zu tätigen. Sein einziger Lebensgefährte auf dem Eiland: der griesgrämige, alte Leuchtturmwärter  Gruner (Ray Stevenson). Der junge Mann muss feststellen, dass nachts seltsame Kreaturen dem Meer ansteigen und den Menschen ans Leder wollen… 

 

"Night of the Living Fish" – COLD SKIN bietet die Zombieapokalypse der Salzheringe. Der nächtliche Ansturm der Fischwesen auf den Leuchtturm erinnert an die Zombiescharen aus DIE HORDE oder WORLD WAR Z. Es wird gemeuchelt und entschuppt. Zwei irische Eigenbrödler radieren im Alleingang die gesamte Bevölkerung von Atlantis aus. Fast zumindest. Romantik darf dabei natürlich nicht fehlen. Der zottelbärtige Leuchtturmwärter Gruner hat sich unsterblich in eines der Fischwesen verliebt. Deswegen hält er sie als eine Art Sexsklavin oder Liebespuppe in seinem Leuchtturm gefangen. Romantik pur. Der junge Neuankömmling bringt Unruhe rein, denn auch er beginnt sich für die hübsche Quastenflosserin zu interessieren. Was Einsamkeit alles mit einem anstellt – verrückt!

Wunderschön an COLD SKIN ist seine karge, zerklüftete Kulisse der vulkanischen Küstenlandschaft (Drehort: Lanzarote). Der Film unterhält nahtlos und das mit den Fischwesen, die jede Nacht wie die „reitenden Leichen“, nur in schnell, über die Insel hereinfallen, ist überaus interessant. 

Es ist nicht der WATERWORLD von Regisseur Xavier Gens (FRONTIERS, HITMAN), aber zumindest ein düsteres Erwachsenenmärchen. 

In den Hauptrollen: Ray Stevenson (PUNISHER: WAR ZONE, THOR 1-3) und David Oakes (THE BORGIAS). 

 

Apropos düstere Erwachsenenmärchen: Auf diesem Gebiet ist Regisseur Guillermo del Toro (PANS LABYRINTH, HELLBOY) praktisch Spezialist. Sein THE SHAPE OF WATER steht seinen großen Erfolgen in nichts nach. Der Film ist perfekt produziert, aufwendigst ausstaffiert, bietet wunderschönes Setdesign, tolle Darsteller..., alles wie man es von del Toro eben gewohnt ist. 

THE SHAPE OF WATER

USA, 2017 / 123 Min.

Regie: Guillermo del Toro

Darsteller: Sally Hawkins, Michael Shannon, Doug Jones, Octavia Spencer

USA, 60er-Jahre, der Kalte Krieg tobt. Ein im Amazonas gefangener Fischhumanoid (Doug Jones) wird in eine streng geheime militärische Forschungseinrichtung gebracht. Experimente sollen zeigen, ob der Fischmann als Waffe gegen die Sowjets eingesetzt werden kann. Doch das Kiemenwesen streubt sich. Elisa (Sally Hawkins) arbeitet in der Einrichtung als Reinigungskraft. Sie ist stumm und lebt ein Leben in Bescheidenheit, Zurückgezogenheit und Einsamkeit. Bei ihren Rundgängen während der Nachtschicht stößt sie auf das Bassin, in dem das Fischwesen gefangen gehalten wird. Sie verliebt sich in ihn und macht es sich zur Aufgabe, ihm zur Flucht zu verhelfen…

 

THE SHAPE OF WATER ist ein perfektes Gruselmärchen und vergleichbar mit den großen Tim-Burton-Filmen. Visuell brillant, beinahe jede Szene wunderschön, das Fischmensch-Kostüm: Wahnsinn! Del Toro ist ein Perfektionist und er hat die Mittel dies auszuleben (Budget: 19 Mio. Dollar). 

So sehr der Film auch verzaubert, so sehr drängt sich auch das Gefühl der optischen Überladenheit auf. Zumal die Story simpel und zu 100% vorhersehbar ist und eigentlich auch in kürzerer Zeit hätte erzählt werden können. Doch der Wermutstropfen ist klein, da THE SHAPE OF WATER das Cineastenherz gleich auf mehreren Ebenen beglückt. 

 

Der Film ist eine tiefe Verneigung vor dem Kino selbst. Nicht nur vor dem klassischen Horrorkino, was die Anlehnung an DER SCHRECKEN VOM AMAZONAS vermuten lassen könnte. Sondern auch vor den Anfängen des Unterhaltungskinos, wie die Verweise auf die Tanzfilme von Shirley Temple

zeigen. Alte Kinosäle glorifizieren eine Zeit, in der man Kinofilme nicht auf dem Handy streamte. Der Film bietet sogar einen kleinen Musicalpart im Stile von LA LA LAND. Die stumme Protagonistin singt und trällert und schwingt das Tanzbein mit dem Fischmann. So klein die Szene auch ist, so sehr begeistert sie und zeichnet sie den Film auch aus. 

Es ist del Toros Interpretation vom Sci-Fi-Horror der 50er- und 60er-Jahre. Eine Zeit, in der Horrorfilme die Angst vor dem Andersartigen und feindlichen Invasoren widerspiegelten und Produktionen wie DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT und DER TAG, AN DEM DIE ERDE STILLSTAND aufkamen. Bei del Toro sind die vermeintlichen Invasoren die Guten, genauso wie alle Andersartigen und gesellschaftlich Geringen. Die Minderheiten vereinen sich. Egal ob schwarz, weiß, schwul oder behindert. Gemeinsam ist man stark, was dem Film sogar noch eine Art Message verleiht. 

 

Natürlich über jeden Zweifel erhaben: Doug Jones (der Faun in PANS LABYRINTH, STAR TREK: DISCOVERY) als Amphibienmensch. Wunderbar als Bösewicht: Michael Shannon (MAN OF STEEL). Sally Hawkins (PADDINGTON, SUBMARINE) gibt das zarte Mauerblümchen. In Nebenrollen: Richard Jenkins (STIEFBRÜDER) und – ganz großartig als schnippisches Waschweib – Octavia Spencer (HIDDEN FIGURES). 

 

THE SHAPE OF WATER ist ein dunkles Märchen darüber, welch unergründliche Wege die Liebe geht. Vergleicht man nun die thematisch sehr ähnlichen Werke COLD SKIN und THE SHAPE OF WATER, zeichnet sich del Toros Werk klar als das feinfühligere und optisch brillantere heraus. Düstere Erwachsenenmärchen sind beide. Die zärtliche Annäherung zweier Andersartigen nimmt man SHAPE aber eher ab. Da geht COLD SKIN fast eher in Richtung sexuelle Nötigung. Und von Doug Jones als „Gill-Man“ mal ganz zu Schweigen. 

 

Eat more Fish!!!!