THE EYES OF MY MOTHER

USA, 2016 /75 Min.

Regie: Nicolas Pesce

Darsteller: Diana Agostini, Olivia Bond, Will Brill

Bei dem Titel muss ich an diesen Witz aus HOT SHOTS denken. Charlie Sheen alias Topper Harley spaziert mit seiner scharfen Freundin Ramada am Strand entlang und meint, er habe die Augen seines Vaters. Dann holt er ein Etui aus seiner Pilotenjacke und zeigt sie ihr. 
Ähnlich, wenn auch ganz anders verhält es sich mit dem düsteren Schwarzweiß-Weirdo THE EYES OF MY MOTHER. 

Die kleine Francessca lebt mit ihren Eltern in einer abgeschiedenen Hütte im Wald. Ihre Mutter ist Augenärztin und erklärt ihr die Anatomie anhand des Sezierens von Kuhköpfen. Eines Tages wird Klein-Francessca Zeugin, wie ihre Mutter bestialisch ermordet wird. Der Vater überwältigt den Killer, verstümmelt ihn und kettet ihn als Haustier in der Scheune an. Als Erwachsene hat Francessca (Kika Magalhães) ein gestörtes Verhältnis zu Mitmenschen. Kontakte fallen ihr schwer und enden meist in Mord und Totschlag. Was ihr bleibt, ist die Passion für Augen, die sie von ihrer Mutter geerbt hat…

THE EYES OF MY MOTHER ist ein bildgewordener Alptraum. Eine Hobby-Augenchirurgin, deren Wahnsinn in der Abgeschiedenheit prächtig gedeiht. Das Schwarzweiß kommt düster und pessimistisch wie in ERASERHEAD und A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT. Die Kamera ist sparsam und statisch. Es gibt Erzählsprünge wie Erinnerungslücken. Im einen Moment wird noch geflirtet, im anderen Blut vom Boden aufgewischt. 
Der Film ist in vielerlei Hinsicht extrem, herausfordernd, mitunter anstrengend, dennoch extrem fesselnd. Die Gewalt, auch wenn sie nur angedeutet wird, ist hart und verstörend. Angekettete, bandagierte, um das Augenlicht und die Stimmbänder erleichterte Menschen lassen Erinnerungen an MARTYRS

wach werden. In noch drastischeren Momenten kommen Parallelen zu NEKROMANTIK und TAXIDERMIA auf. 
THE EYES OF MY MOTHER ist ein Sicko im Arthaus-Gewand. Trotz seiner betörenden Bildgewandtheit und seiner ruhigen und besänftigenden Erzählweise reicht der Streifen vom Grad der Sickness locker an Schocker wie TEXAS CHAINSAW MASSACRE oder HUMAN CENTIPEDE heran. Der Showdown schwächelt ein bisschen. In seiner verstörenden Wucht aber einzigartig und unvergesslich. 
Auf dem Regiestuhl der aufstrebende New Yorker Jungregisseur Nicolas Pesce (wohl bald: THE GRUDGE, 2019). 

Fazit: 
Sollte man ein semifachmännisch entferntes Auge darauf werfen.

Erschienen von Bildstörung, Drop Out #29, am 01.09.2017

Poster: © Bildstörung
Szenenfotos: © 2016 Eyes of Mother, LLC.