SLACKER

USA, 1991 / 96 Min. 

Regie: Richard Linklater

Darsteller: Richard Linklater, Ruby Basquez, Jan Hockey, Teresa Taylor

Die 90er – trist, planlos, demoralisiert, desillusioniert. Jeder findet alles zum Kotzen. Keiner hat Bock, irgendetwas daran zu ändern. „It’s a sad and beautiful World“ würde Roberto Benigni vielleicht sagen. Gerade als der Grunge mit „Nirvana“, Kurt Cobain und den ganzen Seattle-Garagen-Rockbands die USA und die gesamte Welt zu erobern und ein Umdenken in den Köpfen der Jugendlichen zu bewirken schienen, bastelt ein bis dahin noch relativ unbekannter Regisseur namens Richard Linklater anno 1991 ein Filmchen, das nicht nur den Zeitgeist und die Jugendkultur der frühen 90er-Jahre haargenau einfängt, sondern auch den Startschuss für eine neue Ära des Filmemachens abfeuert und eine Welle von Independent-Produktionen, u.a. Filme wie Kevin Smiths CLERKS oder LIVING IN OBLIVION, lostrat. 

SLACKER folgt keinem Handlungsstrang und erzählt keine Geschichte im konventionellen Sinne. Auch findet man in ihm keine Hauptfigur. Der Film erzählt vielmehr viele kleine Geschichten. Und die erzählenden Hauptfiguren, allesamt Laiendarsteller, purzeln wie zufällig vor die Kamera. Man verweilt als Zuschauer eine kurze Zeit mit ihnen, dann folgen wir dem nächsten Passanten, der uns einen anderen Ausschnitt aus seinem Leben präsentiert. Ganz flüchtig, unverbindlich und oberflächlich - so wie unter US-Youngstern Anfang der 90er eben so üblich. Es wird also, ähnlich den Werken von Jim Jarmush oder den frühen von Tarantino, sehr, sehr viel gelabert. Sonst passiert im Grunde eigentlich nichts. Viel heiße Luft. Viel mal mehr, mal weniger sinnvolles Blabla. Sonst nix. Der Schauplatz ist Austin, Texas. Wir lernen einen jungen Mann kennen, der seine Mutter mit dem Auto überfährt und sich anschließend wieder in sein Zimmer begibt, als wäre nichts gewesen. Ein anderer schimpft über seinen kürzlich verstorbenen Stiefvater und meint, sich über dessen Tod herzlich zu freuen. Wir begegnen einer jungen Frau, die gerade aus der Nervenheilanstalt entlassen wurde. Ein Freund von ihr spielt in einer Band namens „Ultimate Losers“. Auf der Strasse begegnen sie einer Bekannten (Teresa Taylor, Ex-Drummerin der „Butthole Surfers“), die einen Vaginalabstrich von Popstar Madonna mit sich herum trägt, an dem sogar noch ein Schamhaar der Sängerin klebt. Ein in die Jahre gekommener Anarchist lädt einen Einbrecher, den er in seinem Haus überrascht, zu Kaffee und einem Spaziergang ein. Es wird über einen Amoklauf auf dem Freeway berichtet. Andere diskutieren über die Wahlen in den USA, Verschwörungstheorien, die unglaubliche Anstrengung nicht kreativ zu sein, Außerirdische oder einen Anti-Schwerkraft-Antrieb der Nazis.

So willkürlich und unterschiedlich die auftretenden Charaktere auch wirken, so haben sie doch einiges gemeinsam: sie sind arbeitslos, deprimiert und gelangweilt, wissen nichts Sinnvolles mit ihrer Zeit anzufangen und lassen sich deshalb einfach treiben. „Just Hangin’ Around“ wie es oftmals so schön heißt. Irgendwie scheint jeder jeden zu kennen und doch sind die Beziehungen und Kontakte äußerst oberflächlich und flüchtig. 

Die Willkür, mit der die Charaktere aufeinander folgen, erinnert an episodisch aufgebaute Dramen wie SHORT CUTS (1993, von Robert Altman) oder Jarmushs MYSTERY TRAIN, die Dialoglastigkeit und besonders die Coolness und die versteckte Poesie der Dialoge etwa an Filme wie RESERVOIR DOGS oder DOWN BY LAW. Der Film beschert uns so sinnige Zitate wie „Sind wir jung, trauern wir um eine Frau. Sind wir alt, um Frauen im Allgemeinen“ oder „Die Leidenschaft zu zerstören ist auch eine kreative Leidenschaft“. 


Regisseur Richard Linklater (DAZED & CONFUSED, BEFORE SUNRISE, SCHOOL OF ROCK, BOYHOOD) tritt selbst in der Rolle eines vor sich hin philosophierenden Taxigastes auf. Seine Intention war es, der Generation der Slacker zu einem besseren Image zu verhelfen. Ob dies geglückt ist, sei mal dahin gestellt. Sein Film SLACKER bietet jedenfalls eine vielfältige, aber treffende Definition des Begriffs. Ferner muss der Streifen in einem Atemzug genannt werden mit Generation X-Kultfilmen wie REALITY BITES, CLERKS oder SO FUCKING WHAT. 

Was wir von diesem Film lernen können: 
1. Wiederholung ist eine Form von Veränderung (O-Ton). 
2. 95% des Gehirns sind nicht ungenutzt, sondern unbrauchbar. 
3. Niemand, wirklich niemand kann 50 Eier essen! …Ne halt, das war aus einem anderen Film. 

„Meine Antwort auf jede menschliche Tragödie ist: ‚Wie schrecklich! Ich liebe es! Hoffentlich wird es noch schlimmer!'“ 

Chucks, lange Haare, Holzfällerhemd und „No Future“ – das Lebensgefühl der Generation X in Reinform. In gewisser Weise ein amerikanischer Dogma-Film, weil auf alle filmischen Finessen wie künstliches Licht, inszenierte Schauplätze und Spezialeffekte verzichtend. Bietet nur geschmälerten Unterhaltungswert, da komplett frei von Handlung. Ein treffenderes Portrait der Twenty-Somthings der frühen 90er-Jahre hat es aber wohl nie gegeben.